- Das kranke System – Die größten Probleme des Gesundheitswesens

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Das kranke System © panthermedia.net / Wolfsglut

In Deutschland beschwert man sich gern. Korrupte Politiker, schlechtes Wetter, Lügen verbreitende Medien, irgendetwas läuft grundsätzlich falsch. Gerade das Deutsche Gesundheitssystem ist seit jeher ein beliebtes Thema der alltäglichen Schmähungen gewesen. Die Fakten scheinen den Nörglern zunächst Recht zu geben. In Deutschland werden zwar jährlich Unsummen für die Gewährleistung der gesundheitlichen Versorgung ausgegeben, in Studien schneidet das hiesige Gesundheitssystem jedoch eher mittelmäßig ab.[1] Viele Patienten fühlen sich von Ärzten, Kassen und Politikern im Stich gelassen. Aber woran krankt das System?

Ein solidarisches System?

Das Deutsche Gesundheitssystem ist größtenteils selbstverwaltet und wird von vielen verschiedenen Institutionen – Gesetzgeber, Krankenkassen, Ärzte etc. – getragen. Das Gesundheitssystem, so wie wir es heute kennen, entstammt ursprünglich einer Idee Otto von Bismarcks, der 1883 im deutschen Kaiserreich die Krankenversicherung für Arbeiter einführte. Heute herrscht in Deutschland Versicherungspflicht. Grundsätzlich sollte jeder Bürger Mitglied in einer Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sein, es sei denn, sein jährliches Gehalt übersteigt die Versicherungspflichtgrenze (2015: 54.900 €).[2] Dann steht es ihm frei, eine Private Krankenversicherung abzuschließen. Das gesetzliche System versteht sich als solidarisch. Das bedeutet, jeder Versicherte zahlt einkommensabhängig Beiträge und jeder Kranke wird unabhängig von seinen bisher gezahlten Beiträgen behandelt. In anderen Ländern, wie beispielsweise der USA, existiert keine Versicherungspflicht und Länder wie z.B. Großbritannien und Italien finanzieren ihr Gesundheitssystem aus Steuermitteln.[3] Ziel des Pflichtversicherungssystems ist es, jedem Bürger eine ausreichende medizinische Versorgung zur Verfügung zu stellen. Soweit die Theorie.[4]

Viele Patienten fallen durchs Raster

In der Theorie scheint das deutsche Gesundheitssystem wohldurchdacht und gut organisiert zu sein. In der Praxis aber sieht das anders aus. Das System arbeitet weder effizient, noch ist es in der Lage, langfristig Versorgungslücken zu schließen. Es ließen sich ganze Publikationen mit Spekulationen über das Versagen des deutschen Gesundheitswesens füllen. Zwei-Klassen-Medizin, Überalterung der Gesellschaft durch Abnahme der Geburtenrate und gleichzeitigen Anstieg der Lebenserwartung, Versorgungsmangel in ländlichen Gebieten oder Intransparenz, die Liste der Probleme ist schier endlos.[5][6] Dennoch könnte man meinen, es handle sich hierbei um Kritik auf hohem Niveau. Letztendlich wird doch niemand vom System vernachlässigt.
Leider werden solche Relativierungen von diversen Fällen durchs Raster gefallener Patienten in Frage gestellt. Allein 2014 waren trotz der Versicherungspflicht etwa 137.000 Menschen in Deutschland nicht krankenversichert. Häufig liegt das daran, dass die Beiträge, die die Versicherungen verlangen, für die Versicherten schlichtweg unbezahlbar sind. Es gibt zwar Möglichkeiten, mit den Kassen eine Abmachung zu treffen, doch wagen viele Betroffene aufgrund der bereits entstandenen hohen Schuldenlasten diesen Schritt nicht.[7] Aber selbst regulär Versicherte können vom Gesundheitssystem im Stich gelassen werden. So musste beispielsweise der 2013 verstorbene Schriftsteller Wolfgang Herrndorf feststellen, dass die Krankenkasse kostspielige, aber medizinisch notwendige Behandlungen seiner nicht heilbaren, aber doch therapierbaren Krebserkrankung nicht übernahm.[8]
Wo genau es hakt, lässt sich häufig schwer beurteilen. Das System versagt vielmehr in der Zusammenarbeit der Krankenkassen, der überforderten Ärzte und des Gesetzgebers. Ein Problem, mit dem beinahe jeder gesetzlich versicherte Patient schon einmal zu kämpfen hatte, sind die langen Wartezeiten auf Facharzttermine. Während Privatpatienten in der Regel zeitnahe Termine angeboten werden, sind GKV-Patienten mitunter gezwungen, mehrere Wochen oder gar Monate auf einen Arztbesuch zu warten. Lange Wartezeiten sind ärgerlich für die Patienten, hin und wieder aber sogar lebensbedrohlich. Stern TV sammelte 2014 solche Geschichten seiner Zuschauer. Der 46jährige Holger Böhlke beispielsweise litt unter Bluthochdruck und benötigte dringend eine kardiologische Untersuchung. Der nächste freie Termin: frühestens in 6 Monaten. Währenddessen erlitt Böhlke einen Herzinfarkt und wäre daran beinahe verstorben.[9] Viele gesetzlich Versicherte können von ähnlichen Vorfällen berichten. Zwar haben Wartezeiten nicht immer derart gravierende Folgen wie im Fall von Holger Böhlke, doch die Unzufriedenheit mit dem Zwei-Klassen-Gesundheitssystem wächst stetig.

Was bringt die Zukunft?

Wartezeiten auf Facharzttermine© panthermedia.net / iofoto

Letztlich wird ein Gesundheitssystem von der Bevölkerung, dem Gesetzgeber und dem medizinischen Personal getragen. Häufig ist es eine Mischung aus menschlichem Versagen, mangelnder Informationsdichte und komplizierten Abläufen, die dazu führt, dass Patienten sich im Stich gelassen fühlen. Gerade Schmerzen und weniger ernste Leiden, die aber die Lebensqualität der Betroffenen unleugbar vermindern, werden häufig nicht ernst genommen. Aber auch wenn Deutschland in der WHO-Rangordnung der Gesundheitssysteme unter den ersten 10 Plätzen nicht auftaucht,[10] scheint es angebracht, neben unübersehbaren Probleme auch die Vorteile des stetig sich verbessernden Systems im Auge zu behalten. Die Einführung der Elektronischen Gesundheitskarte, die Beitragsreform und die Förderung des Wettbewerbs der Gesetzlichen Krankenversicherungen durch den Gesetzgeber werden hoffentlich dazu beitragen, dass das deutsche Gesundheitssystem sich an die neuen Gegebenheiten anpasst und einige Versorgungslücken geschlossen werden.

Quellenangaben:

[1] Tobias Kaiser „Deutsches Gesundheitswesen ist das Geld nicht wert“:http://www.welt.de/wirtschaft/article124010016/Deutsches-Gesundheitswesen-ist-das-Geld-nicht-wert.html 17.07.2015
[2] Die Bundesregierung „Neue Bemessungsgrenzen für 2015“:http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2014/10/2014-10-15-rechengroessen-sozialversicherung.html 17.07.2015
[3] Willy Oggier „Vorteile einer Einheitskasse“:http://www.bsv.admin.ch/dokumentation/medieninformationen/archiv/presse/2003/d/03052801.pdf17.07.2015
[4] Gesundheitsinformation.de „Das deutsche Gesundheitssystem“:http://www.gesundheitsinformation.de/das-deutsche-gesundheitssystem.2698.de.html?part=einleitung-co 17.07.2015
[5] Spiegel Online „Deutsches Gesundheitswesen: ‚Der Patient ist nur Mittel zum Zweck‘“:http://www.spiegel.de/wirtschaft/studie-vernichtendes-urteil-fuer-deutsches-gesundheitswesen-a-950847.html 17.07.2015
[6] Wirtschaftswoche „Die schlimmsten Mängel im Gesundheitswesen“:http://www.wiwo.de/politik/deutschland/gutachten-die-schlimmsten-maengel-im-gesundheitswesen/10087508.html 17.07.2015
[7] Sandra Voigt „So hart ist das Leben ohne Krankenversicherung“:http://www.mopo.de/vorsorge/nicht-krankenversichert-krankenversicherung-schulden-kv-beitrag,21147514,28357302.html 17.07.2015
[8] Wolfgang Herrndorf „Arbeit und Struktur“, Berlin 2013.
[9] Stern TV „Warum gesetzlich Versicherte so lange warten müssen“: http://www.stern.de/tv/viele-gesetzlich-versicherte-warten-wochen-und-monate-auf-einen-termin-bei-einem-facharzt-3817126.html 18.07.2015
[10] WHO „Measuring overall health system performance for 191 countries“: http://www.who.int/healthinfo/paper30.pdf 17.07.2015