- Schweinischer Cocktail: Antibiotikaeinsatz in der Viehzucht

Anzeige

Schwein © panthermedia.net / artfotoss/span>

Der größte Antibiotikaverbrauch entfällt in Europa auf die Viehzucht. Hier wird eine doppelt so große Menge Antibiotika als am Menschen eingesetzt [1]. Dies bleibt nicht ohne Folgen: die Anzahl antibiotikaresistenter Keime steigt.

Antibiotika im Viehstall: Warum?

In den vierziger Jahren eröffnete die Einführung von Penicillin die Ära der Antibiotika [2]. Jene Mittel, mit denen es erstmals möglich war, bakterielle Infekte wie z.B. Lungenentzündungen (Pneumonie) oder Blutvergiftungen (Sepsis) gezielt zu therapieren. Bis heute gilt die Entdeckung von Antibiotika als einer der größten Meilensteine der Medizin. Doch was macht dieses lebensrettende Medikament im Schweinestall? In den USA kommen auf die Produktion von einem Kilo Fleisch in etwa 300 Milligramm Antibiotika [3]. Zum einen werden die Medikamente, wie auch beim Menschen, zur Behandlung von Infektionen angewendet. Dass die weltweite Viehzucht einen so enormen Konsum an Antibiotika zu verzeichnen hat, erklärt vor allem die wachstumssteigernde Wirkung der Medikamente [3]. In der Europäischen Union ist der Antibiotika-Einsatz als „Mastmittel“ zwar seit 2006 verboten, der Antibiotika-Verbrauch bleibt jedoch hoch [3]. 2012 entfielen 1706 Tonnen Antibiotika auf die Schweine- und Geflügelmast; „prophylaktisch“ eingesetzt, um Krankheitsepidemien unter den Tieren vorzubeugen [4]. Weltweit fließen die größten Antibiotika-Mengen in die Schweinefleischproduktion (172 mg Antibiotika/Kilo Fleisch), gefolgt von der Geflügelherstellung [5]. Auf ein Kilogramm Rindfleisch kommen „nur“ 45 mg Antibiotika [5]. Obwohl Antibiotika nur selten in relevanten Mengen im Fleisch nachgewiesen werden, hat der leichtfertige Einsatz schwere Folgen für Mensch und Gesellschaft.

Wo liegt das Problem?

Der hohe Einsatz von Antibiotika führt zur Resistenzentwicklungen in Keimen, die in Folge schwere Infektionskrankheiten bei Tier und Mensch verursachen können. Wie schon der Evolutionstheoretiker Darwin feststellte, herrscht im Überlebenskampf der Arten der Grundsatz „Survival of the fittest“. Dies besagt, dass jene Lebewesen überleben, die an ihre Umwelt am Besten angepasst sind. Überträgt man diese Theorie auf Bakterien und Antibiotika, ist die Resistenzentwicklung einfach zu verstehen: Durch spontane Veränderungen im Erbgut der Bakterien kommt es zu Veränderungen ihrer Zelleigenschaften. Dies kann dem Bakterium den neuen Vorteil bringen, nun gegen ein bestimmtes Antibiotikum resistent zu sein. Kommt das Bakterium mit den veränderten Zelleigenschaften in Kontakt mit dem Antibiotikum, überlebt es, während andere seiner Art absterben. Übrig bleibt ein resistenter Keim, der sich vermehrt und seine Eigenschaft an andere Bakterien weiter gibt [6]. Geschieht dies gehäuft, so können Bakterien sogar die Eigenschaft entwickeln, gegen mehrfache Bakterien resistent zu werden. Das Ergebnis sind multiresistente Keime wie MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus).

MRSA ist ein Hautkeim, der gegen das gängige Antibiotikum Methicillin resistent, also mit Methicillin nicht mehr therapierbar ist. Ebenso verbergen sich hinter „ESBL-bildende Keime“ oder „VRE“ multiresistente Keime. Die wachsende Anzahl nicht therapierbarer Bakterien wird zum immer größer werdenden Problem, dem Ärzte oft machtlos gegenüber stehen. Zwar sind die Gründe für die wachsende Resistenzentwicklung zahlreich, Antibiotika im Viehstall reihen sich jedoch in die Ursachenliste ein [4]. Denn wenn sich im Tier resistente Keime entwickeln, können diese auf den Menschen übertragen werden [6]. Dies gilt vor allem für Personen, die direkt mit den Tieren in Kontakt stehen (z.B. Landwirte, Tierärzte) [5]. Auch eine Übertragung durch Lebensmittel, die vom Tier gewonnen werden, ist möglich [7]. Ein weiterer Übertragungsweg stellt, als Dünger verwendeter, Viehmist dar. Auf diesen Wegen finden resistente Keime ihren Weg in die Gesellschaft. Hier gefährden sie vor allem Menschen mit einem schwachem Immunsystem [7].

Wie sich Verbraucher schützen können?

Der beste Weg um sich vor resistenten Keimen durch Fleischkonsum zu schützen, ist der richtige Umgang mit rohem Fleisch. Es sollte vor der Verarbeitung abgewaschen und abgetupft werden. Benutze Küchenutensilien und Hände müssen nach dem Kontakt mit rohem Fleisch gründlich gereinigt werden. Im Kühlschrank sollten rohe Tierprodukte von anderen Lebensmitteln getrennt gelagert werden. Durch das Erhitzen (auf mindestens 70 Grad) werden die meisten gefährlichen Keime nach etwa 10 Minuten abgetötet [7].

Die Frage, in wie weit sich der Verbraucher bereits durch die Wahl an der Fleischtheke schützen kann, bedarf einer ausführlicheren Antwort. Denn die Sachlage ist nicht so einfach, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Prinzipiell ist es ratsam, Biofleisch zu konsumieren. Dieses Fleisch stammt aus biologischer oder ökologischer Landwirtschaft. Fleisch, das nicht das Label „Bio“ trägt, kommt dagegen vor allem aus konventioneller Massentierhaltung. Laut dem Bund für ökologische Lebensmittelwirtschaft herrschen in der konventionellen Tierhaltung oftmals Platzmangel, chronischer Stress, mangelnde Frischluft, Hitze und Hygieneprobleme [8]. Ein Szenario, das zu Krankheitsanfälligkeit führt und zahlreiche Antibiotikagaben zur Folge hat. In der Öko-Tierhaltung dagegen werden durch artgerechte Tierhaltungsbedingungen Erkrankungen vorgebeugt. Erkranken Tiere trotzdem, müssen Bio-Landwirte erst auf andere Mittel (z.B. Homöopathie oder Akupunktur) zurückgreifen, bevor es ihnen erlaubt ist Antibiotika einzusetzen [8]. Antibiotika dürfen im Leben eines „Biofleisch-Tieres“ höchstens dreimal eingesetzt werden [8]. Handelt es sich um Masttiere, die nur 1 Jahr leben, sogar nur ein einziges Mal. Wird diese Anzahl überschritten, darf das Fleisch nicht mehr als Biofleisch angeboten werden. Eine in Deutschland durchgeführte Studie konnte zeigen, dass MRSA-Keime in 92% der konventionell wirtschaftenden Schweinebetriebe anzutreffen waren [9]. Unter den ökologisch wirtschaftenden Betrieben waren dagegen nur 11% betroffen [9]. Bei der Wahl von Biofleisch setzt der Verbraucher somit ein Zeichen für artgerechte Tierhaltung und somit auch gegen leichtfertige Antibiotikagaben. Leider ist jedoch nicht auszuschließen, dass auch Biofleisch resistente Keime trägt. Das liegt daran, dass Bio-Tierhaltung und konventionelle Lebensmittelwirtschaft an vielen Punkten der Produktionskette Schnittstellen aufweisen. So können Keime durch Luft und Gülle von einem Hof zum nächsten gelangen [8]. Hinzu kommt, dass das Biofleisch oftmals in denselben Schlachthöfen geschlachtet wird, wie auch das „nicht-Bio-Fleisch“ [8]. Ebenso kann es beim Transport und Verkauf zu Keimübertragungen kommen [8]. Das Robert-Koch-Institut arbeitet derzeitig daran, derartige Zusammenhänge besser zu verstehen, um so eine Keimübertragung besser vorbeugen zu können.

Quellenangaben:

[1] „Antibiotika-Verbrauch: Immer noch unkontrollierter Einsatz.“, http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/arzneimittelpolitik/article/895852/antibiotika-verbrauch-immer-noch-unkontrollierter-einsatz.html, 13.08.2016
[2] „Discovery and Development of Penicillin.“, https://www.acs.org/content/acs/en/education/whatischemistry/landmarks/flemingpenicillin.html#alexander-fleming-penicillin, 13.08.2016
[3] F. Aarestrup: „Antibiotika raus aus dem Schweinestall.“, http://www.spektrum.de/news/antibiotika-raus-aus-dem-schweinestall/1158688, 13.08.2016
[4] A. Stein: „Antibiotika: Die Ursache der Resistenz-Entwicklung.“, http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/arzneimittelpolitik/article/895855/antibiotika-ursachen-resistenz-entwicklung.html, 13.08.2016
[5] „Antibiotika-Einsatz in Viehzucht steigt weltweit.“, http://www.welt.de/wissenschaft/article138671830/Antibiotika-Einsatz-in-Viehzucht-steigt-weltweit.html, 13.08.2016
[6] G.G. Khachatourians: „Agriculture use of antibiotics and the evolution and transfer of antibiotic-resistent bacteria.“, http://www.cmaj.ca/content/159/9/1129.full.pdf+html, 13.08.2016
[7] „Keime im Fleisch – Was tun?.“, http://www.vzhh.de/ernaehrung/158716/keime-im-putenfleisch-was-tun.aspx, 13.08.2016
[8] „Antibiotika-resistente Keime in Bio-Fleisch“.,
http://www.boelw.de/uploads/media/pdf/Dokumentation/Stellungnahmen/Mitgliederinformation_zur_Keimbelastung_von_Biofleisch_120229_01.pdf, 16.08.2016
[9] U. Heine et al.: „Vergleichende Querschnittsuntersuchung zum Vorkommen von MRSA (Methicillin-resistente Stapylococcus aureus) in ökologisch wirtschaftenden und konventionell wirtschaftenden Schweinebetrieben in Deutschland.“, http://orgprints.org/17575/3/Heine_17575.pdf, 16.08.2016