- Vom Rachen ins Mittelohr: Gefährliche Erregerwanderung

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Mittelohrentzündung © panthermedia.net / SIphotography

Mittelohrentzündung als Folge einer leichten Erkältung

Akute Atemwegsinfektionen zählen zu den häufigsten Infektionserkrankungen weltweit. Eine durchgemachte Erkrankung verleiht keine dauerhafte Immunität, große Teile der Bevölkerung werden mehrmals pro Jahr von der gemeinhin bekannten „Erkältung“ heimgesucht. Kinder im Vorschulalter sind besonders häufig betroffen, wobei sich die Erkrankungen in den kalten Monaten häufen [1]. Meist heilt die banale Erkältung innerhalb von ein bis zwei Wochen wieder folgenlos aus. Jeder kennt die Regel: Drei Tage kommt die Erkältung, drei Tage bleibt sie, drei Tage geht sie.
Aufgrund unterschiedlicher anatomischer Verhältnisse bei Kindern und Erwachsenen entwickelt sich aus einem respiratorischen Infekt bei Kindern häufiger eine Mittelohrentzündung: Die oberen Atemwege mit einer aktiven Immunabwehr im Bereich der Schleimhäute sind die erste Barriere für inhalierte Krankheitserreger. Durch Schleimhautschwellung im Rahmen einer lokalen Entzündung können Funktionseinschränkungen mit nasaler Obstruktion, mangelhafter Belüftung des Mittelohrs und resultierendem Sekretverhalt entstehen [1].
Eine akute Mittelohrentzündung ist demnach eine meist über die Ohrtrompete aus dem Nasen-Rachenraum fortgeleitete Entzündung der Mittelohrschleimhaut.
Rund 80% aller akuten Mittelohrentzündungen sind viral bedingt. In etwa 20% der Fälle kommt es zu einer bakteriellen Superinfektion, meist mit Keimen der normalen Mund-, und Rachenflora.

Symptome

Symptome© panthermedia.net / olinchuk

Wer selber schon eine akute Mittelohrentzündung durchgemacht hat, erinnert sich nur ungern an die Symptome. Stechende, pulsierende Ohrenschmerzen, Husten, Schnupfen, teilweise auch Höreinschränkungen und Sekretaustritt aus dem betroffenen Ohr sind möglich. Besonders bei Kindern kann es zu hohem Fieber und reduziertem Allgemeinzustand kommen. Bei Säuglingen und Kleinkindern stehen teils uncharakteristische Begleitsymptome wie Bauchschmerzen, die primär nicht an eine Mittelohrentzündung denken lassen, im Vordergrund [2][3].

Therapie und Komplikationen

Die akute Mittelohrentzündung ist in der Regel eine selbstlimitierende Erkrankung, die in 80% der Fälle innerhalb von sieben bis 14 Tagen ausheilt [1]. Die Therapie zielt auf eine Wiederherstellung der Mittelohrbelüftung, der Behandlung von Symptomen und der Vermeidung von Komplikationen ab. Obwohl in den USA die akute Mittelohrentzündung der häufigste Grund für die Verschreibung eines Antibiotikums darstellt, ist eine antibiotische Therapie aufgrund der viralen Genese primär oft nicht erforderlich. Zur Therapie gehören daher abschwellende Nasentropfen (z.B. Otriven) und die regelmäßige Gabe von Schmerz-, und Fiebermitteln (z.B. Paracetamol oder Ibuprofen). Oft wird auch die Applikation von lokaler Wärme (z.B. Rotlicht) als angenehm empfunden [2].
Verschiedene Allgemeinmaßnahmen werden darüber hinaus häufig empfohlen. Dazu gehören ausreichende Flüssigkeitszufuhr und natürlich körperliche Schonung [3].
Eine Therapie mit Antibiotika sollte nur bei Verdacht auf eine bakterielle Infektion bzw. Komplikationen begonnen werden. Ausnahmen sind Kinder mit sehr starken Allgemeinsymptomen, mit beidseitiger oder perforierter Entzündung und Kinder unter 6 Monaten [1].
Anzeichen für Komplikationen, wie eine Entzündung des Mastoids, sind typischerweise eine Zunahme der Ohrenschmerzen, Schwerhörigkeit und des Fiebers. Das Mastoid wird druckempfindlich, wegen der Schwellung steht die Ohrmuschel ab. Bei solch einer Mastoiditis wird eine bildgebende Diagnostik erforderlich. Weitere Komplikationen der akuten Mittelohrentzündung sind ein persistierender Paukenerguss, eine chronische, oder rezidivierende Mittelohrentzündung. Bleibende Hörminderung, Hirnhautentzündung, Sinusvenenthrombose, Fazialisparese und eine Entzündung des Labyrinths gehören zu den sehr seltenen Komplikationen [1].

Selbstbehandlung

Bei akuten Ohrenschmerzen, vor allem bei Kindern, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Dieser kann aus der Zusammenschau von Anamnese und otoskopischen Befund die Diagnose einer akuten Mittelohrentzündung stellen, die Schwere und den zu erwartenden Verlauf abschätzen.
Zur Prävention von akuten Mittelohrentzündungen steht vor allem das Minimieren von Risikofaktoren im Vordergrund: Vermeidung von Zigarettenrauch in der Raumluft, Verzicht auf Flaschenfütterung und Schnuller. Als risikosenkend werden Stillen und die von der WHO empfohlene Pneumokokkenimpfung angesehen [3].

Zusammenfassende Empfehlung der Arzneimittelkommision der deutschen Ärzteschaft

Eine unmittelbare Antibiotikagabe bei akuter Mittelohrentzündung wird nur bei Kleinkindern unter zwei Jahren, beidseitiger Entzündung, Ohrenlaufen und Kindern mit schweren Allgemeinsymptomen (Erbrechen, Fieber) empfohlen.
In allen anderen Fällen ist eine sofortige antibiotische Therapie nicht erforderlich. Zur symptomatischen Therapie sind abschwellende Nasentropfen, zur Schmerzlinderung und Fiebersenkung Paracetamol oder Ibuprofen geeignet [1].

Quellenangaben:

[1] Atemwegsinfektionen, Arzneiverordnung in der Praxis, Therapieempfehlungen der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, 3. Auflage 2013, Berlin
[2] Facharztwissen HNO-Heilkunde Differenzierte Diagnostik und Therapie, M. Reiß (Hrsg.), Springer Verlag 2009
[3] DEGAM-Leitlinie Ohrenschmerzen, aktualisierte Fassung 2014, AWMF-Registernr. 053/009