- Fitnesskurse und Kuren – Welche Krankenkasse bezahlt was?

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GKV © fotolia.com / Coloures-pic

Sozial durch mehr Wettbewerb – so könnte man die paradoxe Idee hinter dem „Gesetz zur Weiterentwicklung der Finanzstruktur und der Qualität in der gesetzlichen Krankenversicherung“, kurz GKV-FQWG, zusammenfassen. Das Gesetz trat am 01. Januar 2015 in Kraft. Was sich wie ein komplizierter Sicherheitscode liest, ist der Beginn erheblicher Reformen des deutschen Gesundheitssystems. Den Gesetzlichen Krankenversicherungen, die sich als Unternehmen verstehen, soll mehr Wettbewerb ermöglicht werden. Wettbewerb ist gut für die Qualität der Gesundheitsversorgung, soweit die Idee. Zunächst sinken die Beiträge, dafür werden die von den Kassen angebotenen Zusatzleistungen wie Fitnesskurse oder alternativmedizinische Therapieformen  immer wichtiger für die Wettbewerbsfähigkeit der Kassen.[1][2] Aber was bedeutet das neue Gesetz für den Verbraucher?

Niedrige Beiträge und Zusatzleistungen – so wird um Kunden geworben

Seit Januar 2015 tragen Arbeitgeber und Arbeitnehmer je zur Hälfte die Krankenkassenbeiträge, die von 15,5 % auf 14,6 % gefallen sind. Zuvor musste der gesetzlich Versicherte 0,9 % seines Beitrages als Sonderbeitrag allein übernehmen. Der Sonderbeitrag ist dem neuen Gesetz nach abgeschafft, dafür dürfen die Kassen nun einen einkommensabhängigen Zusatzbeitrag erheben, der im Augenblick je nach Kasse zwischen 0,3 % und 1,3 % variiert. Es ergibt sich also für viele Versicherte zunächst einmal eine Senkung der Beiträge. Das allerdings könnte lediglich die Ruhe vor dem Sturm sein. Versicherungsexperten befürchten Erhöhungen der Zusatzbeiträge auf 1,3 bis 1,7 % bis zum Jahr 2017. Wem seine Krankenversicherung zu kostspielig wird, dem wird unmittelbar nach der Beitragserhöhung ein Sonderkündigungsrecht eingeräumt.[3][4][5] Wenn aber die Beiträge der Krankenkassen steigen werden, ist guter Rat teuer. Wonach kann der Verbraucher sich bei einem Kassenwechsel richten?
Dies ist eine Übersicht über die 14 mitgliederstärksten Gesetzlichen Krankenversicherungen und die jeweils erhobenen Zusatzbeiträge.[5][10]

 

Krankenkasse

Mitgliederzahl
(in Millionen)

Zusatzbeitrag

TK – Techniker Krankenkasse
6,81 0,8 %
Barmer GEK 6,72 0,9 %
DAK-Gesundheit 4,9 0,9 %
AOK Bayern 3,32 0,9 %
AOK Baden-Württemberg
2,98 0,9 %
IKK Classic 2,62 0,8 %
AOK Plus 2,27 0,3 %
AOK Rheinland / Hamburg 2,03 0,9 %
AOK Nordwest 1,96 0,9 %
AOK Niedersachsen 1,78 0,8 %
Knappschaft 1,42 0,8 %
AOK Nordost 1,39 0,9 %
KKH – Kaufmännnische Krankenkasse 1,34 0,9 %
AOK Hessen 1,11 0,9 %
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Hier kommen die von den Krankenkassen angebotenen Bonus- und Zusatzleistungen ins Spiel. Zunehmend übernehmen die Versicherungen auch alternative Behandlungsformen wie homöopathische Therapien, Phytotherapie oder anthroposophische Verfahren. Auch Sport- und Fitnesskurse, Diätprogramme oder Stressbewältigungsmaßnahmen können von den Kassen bezuschusst oder gar komplett übernommen werden. Damit lässt sich nicht nur die Lebensqualität der Patienten verbessern, auch lästigen Alltagsleiden wie Erkältungen kann, so das Werbeversprechen, langfristig vorgebeugt werden. Fit, glücklich und rundum gesund – und das alles nur durch die Wahl der richtigen Versicherung. Große Krankenkassen wie die Techniker Krankenkasse (TK) sind dabei klar im Vorteil. Ihr Budget erlaubt es ihnen, mit Bonusprogrammen und Zusatzleistungen immer mehr Kunden zu locken und ihre Leistungen dadurch weiter auszubauen. Kleinere Unternehmen dagegen könnten durch Kundenverlust langfristig große wirtschaftliche Schäden davontragen. In dieser Tabelle ist eine Auswahl verschiedener Zusatzleistungen aufgelistet, die einige Krankenkassen anbieten.[6]

Individuelle Gesundheitsförderung

  • Gesundheitssport
  • Vermeidung / Reduktion von Übergewicht
  • Ernährungsberatung
  • Alkoholentzug
  • Nikotinentzug
  • Stressbewältigung
  • Entspannung

Ambulante Naturheilverfahren

  • Alternative Krebstherapie
  • Anthroposophische Medizin
  • Ayurveda
  • Chelattherapie
  • Eigenbluttherapie
  • Feldenkrais
  • Homöopathie
  • Irisdiagnostik
  • Lichttherapie
  • Osteopathie
  • Phytotherapie
  • Reflexzonenmassage
  • Shiatsu
  • Traditionelle chinesische Medizin

Andere Zusatzleistungen

  • Brustkrebsvorsorge
  • erweiterter Anspruch auf künstliche Befruchtung
  • freie Krankenhauswahl
  • Hautkrebsvorsorge
  • zusätzliche Impfungen
  • Patientenschulungen
  • Rooming-in bei Kindern im Krankenhaus
  • spezielle Arzneimittel
  • sportmedizinische Untersuchungen
  • erweiterter Anspruch auf Haushaltshilfen
  • erweiterte Leistungen bei Schwangerschaft und Geburt

Leistungsstarke Kassen – hohe Beiträge

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Welche Krankenkasse aber zahlt was? 95 % aller Leistungen der Krankenkassen sind gesetzlich vorgeschrieben. Die übrigen 5 % werden von den Kassen selbst festgelegt. Komplizierte Tabellen und Testvergleiche sollen Kunden helfen, sich für eine zu ihnen passende Gesetzliche Krankenversicherung zu entscheiden. Focus Money beispielsweise bietet einen ausgefeilten Vergleich von 91 Gesetzlichen Krankenversicherungen nach individuellen Kriterien an.[6] Zieht man dabei nur die Angebote bundesweiter Krankenkassen in den Bereichen „Individuelle Gesundheitsförderung“ (Sport, Stressbewältigung, Entspannung etc.), „Ambulante Naturheilverfahren“ (Homöopathie, Akupunktur, anthroposophische Medizin etc.) und andere Zusatzleistungen (Vorsorge, zusätzliche Impfungen etc.), also insgesamt 39 verschiedene mögliche Leistungen, in Betracht, ergibt sich folgendes Ranking:

Krankenkasse

Leistungen

Zusatzbeitrag

TK – Techniker Krankenkasse
Übernimmt 37 von 39 abgefragten Zusatzleistungen 0,8 %
HEK – Hanseatische Krankenkasse
Übernimmt 36 von 39 abgefragten Zusatzleistungen 0,8 %
SECURVITA Krankenkasse
Übernimmt 36 von 39 abgefragten Zusatzleistungen 1,1 %
DAK-Gesundheit
Übernimmt 32 von 39 abgefragten Zusatzleistungen 0,9 %
actimonda Krankenkasse
Übernimmt 31 von 39 abgefragten Zusatzleistungen 0,7 %
SBK
Übernimmt 30 von 39 abgefragten Zusatzleistungen 0,9 %
BKK family
Übernimmt 30 von 39 abgefragten Zusatzleistungen 1,2 %

Im Ranking wird zweierlei deutlich: Die mitgliederstarken Versicherungsgesellschaften führen das Ranking an und wer gute Leistungen will, muss mit vergleichsweise hohen Zusatzbeiträgen rechnen.[7] Es lohnt sich, sich vor einem Wechsel je nach individueller Bedürfnislage über die Leistungen der Kassen zu informieren und auf dieser Grundlage eine Entscheidung zu treffen.

Alternative: Private Krankenversicherung

Durch die kommende Beitragssteigerung der Gesetzlichen Krankenversicherungen in den nächsten Jahren wird auch das Angebot der Privaten Krankenversicherungen für einige Verbraucher wieder attraktiver. Solche Privaten Versicherungen verursachen zwar meist höhere Kosten, können aber z.T. auch mit besseren Angeboten aufwarten, wie z.B. mit der Chefarztbehandlung oder dem Anspruch auf ein Einzelzimmer während eines Krankenhausaufenthaltes. In gleich mehreren aktuellen Testvergleichen für Private Krankenversicherungen schnitten Tarife der Debeka und der Huk-Coburg gut bis sehr gut ab. Aber auch hier gilt: Wer Leistung erwartet, muss zahlen können.[8][9]
Sollte es soweit kommen, dass ein beträchtlicher Anteil der gesetzlich Versicherten aufgrund finanzieller Erwägungen in die Privaten Krankversicherungen abwandert, könnte dies das Gleichgewicht des deutschen Gesundheitssystems nachhaltig schädigen. In diesem Fall käme es möglicherweise zu einem Mangel der für die Gewährleistung der Versorgung nötigen finanziellen Mittel bei den Gesetzlichen Krankenkassen.
Die Entwicklung der nächsten Jahre wird zeigen, ob die düsteren Prognosen der Reformkritiker sich bewahrheiten. Aber auch wenn Beitragssteigerungen zu erwarten sind, ist die zunehmende Einführung von Zusatzleistungen bei den Gesetzlichen Krankenversicherungen ein positives Beispiel für die Qualitätssteigerung durch Wettbewerb.

Quellenangaben:

[1] Bundesministerium für Gesundheit „Wettbewerb im Gesundheitswesen“: http://www.bmg.bund.de/themen/krankenversicherung/herausforderungen/wettbewerb.html 16.07.2015
[2] Focus Money „Krankenversicherung. Der große Kassenvergleich“: http://www.focus.de/finanzen/versicherungen/krankenversicherung/krankenkassen/krankenkassen_aid_
10579.html 16.07.2015
[3] Deutsche Handwerks Zeitung „Krankenkassen: Die Zusatzbeiträge im Überblick“: http://www.deutsche-handwerks-zeitung.de/krankenkassen-reform-was-sich-ab-2015-aendern-soll/150/3093/220717 16.07.2015
[4] Erkältet.info „Was ändert sich 2015 bei den Krankenkassen?“: https://www.erkaeltet.info/aendert-sich-2015-bei-den-krankenkassen/ 16.07.2015
[5] Krankenkassen Deutschland „Liste der Krankenkassen mit Zusatzbeitrag 2015“: https://www.krankenkassen.de/gesetzliche-krankenkassen/krankenkasse-beitrag/kein-zusatzbeitrag/ 16.07.2015
[6] Focus Money „Individueller Preis- und Leistungsvergleich von 91 Kassen“: http://krankenkassen.focus.de/ 16.07.2015
[7] Hanna Grabbe „Gesundheit!“: http://www.zeit.de/2015/09/krankenkassen-techniker-dak-hamburg 16.07.2015
[8] Andreas Schofer „Private Krankenversicherung wechseln“: http://www.cecu.de/wechsel-private-krankenversicherung.html 16.07.2015
[9] Juliane Wellisch „Private Krankenversicherung Test 2015: Gut statt billig“: http://www.finanzen.de/news/16092/private-krankenversicherung-test-2015-gut-statt-billig 16.07.2015
[10] Statista „Größte gesetzliche Krankenkassen in Deutschland nach der Mitgliederanzahl im Jahr 2015 (in Millionen)“: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/218457/umfrage/groesste-gesetzliche-krankenkassen-nach-anzahl-der-versicherten/ 18.07.2015