- Krank aus der Klinik – Wie sich Krankenhauskeime verbreiten

Anzeige

Achtung multiresistente Keime © panthermedia.net / fotohansel

Krankenhauskeime – ein unheimliches Phänomen. Dort, wo wir eigentlich gesund werden sollten, unter der Obhut von Ärzten und Pflegern, verbreiten sich multiresistente Erreger, die uns krank machen und im schlimmsten Falle sogar töten können. Jüngst, im Mai 2015, meldete die BILD-Zeitung, dass die Neugeborenenstation des Virchow-Klinikums in Berlin wegen eines antibiotikaresistenten Darmkeims geschlossen werden musste. Der Keim habe bereits fünf Kinder infiziert[1]. Solche Meldungen stärken nicht gerade das Vertrauen der Bevölkerung ins deutsche Gesundheitssystem. Aber wo sind die Schuldigen zu suchen? Treten solche Infektionen nur durch mangelnde Hygiene auf? Warum verbreiten sich resistente Keime gerade in Krankenhäusern? Und wie können wir uns vor ihnen schützen?

Schwer behandelbar und manchmal tödlich

Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) schätzt die Zahl der in Deutschland jährlich mit Krankenhauskeimen Infizierten auf rund 800.000 Patienten. Davon kämen etwa 40.000 Infizierte zu Tode. Wie hoch genau die Infektionsrate und die Sterberate durch multiresistente Erreger in Krankenhäusern ist, ist allerdings statistisch schwer erfassbar. Die optimistische Schätzung der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) spricht von 2000 bis 4500 Patienten, die jährlich an den gefährlichen Keimen sterben, das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) geht von 30.000 Todesopfern aus. Die so unterschiedlich ausfallenden Schätzungen kommen durch die schlechte Dokumentation der Fälle durch das Krankenhauspersonal zustande. Eine Infektion mit einem multiresistenten Keim wird häufig nicht oder zu spät bemerkt und aus Scham später womöglich in der Patientenakte verschwiegen. Infektionen und Komplikationen kommen eben vor. Für Ärzte und Pflegepersonal gehört das zur alltäglichen Routine[2].

multiresistente_keime_2.0

Bei multiresistenten Krankenhauskeimen handelt es sich allerdings nicht um Super-Viren oder Killerbakterien, über die wir bisher nur wenig wissen. Es sind ganz alltägliche Keime, die häufig sogar natürlicherweise im gesunden Organismus vorkommen, für Patienten mit einem geschwächten Immunsystem aber sehr gefährlich werden können. Die Erreger weisen eine Resistenz gegen verschiedene, gängige Antibiotikapräparate auf und können daher nur schwer behandelt werden. Der bekannteste und häufigste Krankenhauskeim ist ein Bakterium namens Staphylococcus aureus, auch bekannt als MRSA. MRSA ist gegen den antibiotischen Wirkstoff Methicillin und verschiedene andere Antibiotika resistent. Im schlimmsten Fall verursacht das Bakterium Wundinfektionen, Atemwegserkrankungen, Harnwegsinfektionen oder Blutvergiftungen. Ebenfalls sehr häufig werden verschiedene Enterobakterien zu tödlichen Keimen. Enterobakterien sind ein Bestandteil der natürlichen Darmflora, können aber bei geschwächten Patienten Lungenentzündungen, Blutvergiftungen oder Darm- und Harnwegsinfektionen hervorrufen. Zu den Enterobakterien zählen zum Beispiel Enterokokken, die, wenn sie gegen das Antibiotikum Vancomycin Resistenzen entwickelt haben, VRE heißen. Auch Pseudomonas aeruginosa ist ein Enterobakterium, das sich vor allem in Waschbecken, Duschen und Toiletten verbreitet. Es ist für etwa 10 % der Krankenhausinfektionen verantwortlich. Acinetobacter-Bakterien, die ebenso zu den Enterobakterien zählen, infizieren vor allem Patienten an Beatmungsgeräten und können schwere Lungenentzündungen auslösen[3][4].

Inflationäre Verwendung von Antibiotika

Durch Genmutationen und Veränderungen ihrer DNS von Generation zu Generation entwickeln einige Bakterienstämme Resistenzen, also eine Art Unempfindlichkeit gegen Antibiotika. Während die nicht-resistenten Bakterien durch die medikamentöse Behandlung sterben oder sich nicht mehr vermehren können, verbreiten sich die resistenten Bakterien und geben ihr Erbgut ungebremst weiter.[5]
Es gibt viele Gründe, die in Deutschland zusammenwirken und die Entstehung multiresistenter Krankenhauskeime begünstigen. Das liegt unter anderem an der inflationären Verwendung von Antibiotika. Diese hoch wirksamen, Bakterien bekämpfenden Medikamente werden viel zu häufig verschrieben. Ärzte gehen gern auf Nummer sicher. Schon bei kleinen Infektionen beschließen sie, diese durch Breitbandantibiotika, also Antibiotika, die gegen viele verschiedene Bakterienarten wirken, zu bekämpfen. Häufig genügen aber etwas Ruhe, Schonung, ein paar Tassen Tee und ein wenig Geduld, um mit der Erkrankung allein fertig zu werden. Patienten wiederum, die ständig leistungsfähig bleiben wollen oder einfach keine Lust haben, die Erkrankung allein durchzustehen, verlangen nicht selten nach einem Rezept für ein Antibiotikum. Dabei helfen antibiotische Wirkstoffe lediglich bei bakteriellen Infektionen. Gegen Viren, durch die die meisten Erkältungen beispielsweise verursacht werden, können diese Arzneien nichts ausrichten[2][5]. Mehr Informationen zu Antibiotika bei Erkältung und Grippe gibt es hier.

Antibiotika bei der Tierzucht© fotolia.com / Budimir Jevtic

Aber nicht nur der inflationäre Gebrauch von Antibiotika bei Menschen führt zu immer häufiger auftretenden Resistenzen. In Mastställen werden antibiotische Medikamente zur Behandlung von Infektionen an Tiere verfüttert. Diese tragen dann die resistenten Keime in sich, die schließlich durch schlechte Fleischverarbeitung auf den Menschen, der das Fleisch zu sich nimmt, übergehen können. Von den Infizierten werden die Keime in Krankenhäuser getragen, wo sie sich unter kranken und geschwächten Patienten munter verbreiten können[5].

Werden die Keime sich weiter verbreiten?

Zusätzlich zu den ständig entstehenden Resistenzen wird in Deutschland leider nur sehr unzureichend an neuen antibiotischen Wirkstoffen geforscht. Diese Forschung bringt wenig Geld und kaum Anerkennung in Fachkreisen ein und ist deshalb ein unbeliebtes Fachgebiet unter Pharmakologen. Nach Paul Ehrlich und Alexander Fleming wird wohl niemand mehr das Antibiotikum neu erfinden. Neue Wirkstoffe müssen dennoch her. Die bekannten Bakterienstämme entwickeln sich ständig weiter und können mit den bereits auf dem Markt erhältlichen Medikamenten nicht mehr bekämpft werden[5][6].

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe möchte daran etwas ändern. Er möchte die Weiterentwicklung von Antibiotika mit Geldmitteln fördern. Aber damit ist es nicht getan. Neue Hygienevorschriften in Krankenhäusern sollen außerdem dazu beitragen, dass die Keime sich nicht weiter verbreiten. Infizierte Patienten müssen isoliert werden. Das Personal sollte so oft wie möglich die Handschuhe wechseln und sich die Hände desinfizieren. Schon bei der Einlieferung ins Krankenhaus sollten Risikopatienten auf multiresistente Erreger getestet werden. Dafür plant Hermann Gröhe ein Hygiene-Förderprogramm in Höhe von 365 Millionen Euro, um in deutschen Krankenhäusern eigens dafür geschultes Hygienepersonal einzustellen und Ärzte und Pfleger durch Weiterbildungen auf die Problematik aufmerksam zu machen. Frankreich und die Niederlande nehmen in diesem Bereich bereits eine Vorbildrolle in Europa ein. In Frankreich gibt es in vielen Krankenhäusern bis zu 10 Angestellte, die ausschließlich für Hygiene-Kontrollen angestellt sind; in den Niederlanden wird jeder aufgenommene Patient zunächst auf multiresistente Erreger getestet[6][7][8].

Hygiene© fotolia.com / K.C.

Infektionen mit resistenten Krankenhauskeimen können übrigens behandelt werden. Dazu sind sogenannte Reserveantibiotika vorgesehen, die nur im Notfall und auch nur in Krankenhäusern eingesetzt werden dürfen, damit gegen diese Wirkstoffe keine Resistenzen entstehen[5].
Wir sehen also mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. Obwohl der Einsatz von Antibiotika, wenigstens in der EU, in Zukunft kontrollierter erfolgen soll und Maßnahmen zur Eindämmung der Verbreitung von Krankenhauskeimen getroffen werden, ist die Gefahr keineswegs gebannt. Uns bleibt nur der Vorsatz, nicht bei jedem Schnupfen ein Antibiotikum einzuwerfen und uns, wenn wir unsere Lieben im Krankenhaus besuchen, möglichst oft die Hände zu desinfizieren.

Quellenangaben:

[1] „Fünf Frühchen mit Darmkeimen infiziert“, http://www.bild.de/regional/berlin/krankenhaus-keime/keime-auf-fruehchenstation-in-berlin-41130384.bild.html, 09.09.2015
[2] „Studie zu Todesursachen: Resistente Keime bald gefährlicher als Krebs“, http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/multiresistente-keime-mehr-tote-durch-keime-als-durch-krebs-a-1036778.html, 09.09.2015
[3] „Die häufigsten Krankenhauskeime“, http://www.medfuehrer.de/Artikel/Die-haeufigsten-Krankenhauskeime, 10.09.2015
[4] „Krankenhauskeime. Was man wissen sollte“, http://www.handelsblatt.com/technik/das-technologie-update/healthcare/infektionsgefahr-krankenhauskeime-was-man-wissen-sollte/9547574.html, 10.09.2015
[5] „Woher die resistenten Krankenhauskeime kommen“, http://www.zeit.de/wissen/2014-11/keime-antibiotika-krankenhauskeime-schweinmast, 10.09.2015
[6] „Kampf gegen Krankenhauskeime“, https://www.tagesschau.de/inland/plan-gegen-krankenhauskeime-101.html, 10.09.2015
[7] Annika Joeres, „Kein Pardon bei der Hygiene in Frankreich“, http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2014-11/krankenhauskeime-frankreich-hygiene, 10.09.2015
[8] Ludwig Kazmierczak, „Vorbild Niederlande“, http://www.deutschlandfunk.de/krankenhauskeime-vorbild-niederlande.1773.de.html?dram:article_id=315098, 10.09.2015