Grippe: Prävention

Grippe vorbeugen

© PantherMedia / Tatjana Urosevic

Die Influenza-Grippe ist eine sehr unberechenbaren Erkrankungen, da sie durch eine hohe Mutationsfähigkeit (Wandelbarkeit) immer neu in Erscheinung treten kann. Trotz Impfung sind jedes Jahr Epidemien durch neu gebildete Virenstämme möglich, welche im Ausmaß, in der Ansteckungsfähigkeit und im Krankheitsbild variieren. Dabei unterscheidet man die saisonale Grippe, die vor allem in den Wintermonaten auftritt von der sogenannten „aviären“ Influenza, welche durch Tiere übertragen wird (z.B. Vogelgrippe oder Schweinegrippe). Eine Influenza äußert sich insbesondere durch hohes Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Husten, Schnupfen und oft besteht über mehrere Wochen eine allgemeine Müdigkeit und Abgeschlagenheit (Fatigue) [1]. Um einer Grippeepidemie vorzubeugen kann man eine Impfung durchführen, es können in bestimmten Fällen aber auch Medikamente zum Einsatz kommen.

Medizinische Fakten

Influenza-Viren werden grundsätzlich in A, B und C – Stämme unterteilt, wobei für den Menschen nur A und B –Viren relevant sind. Die Oberfläche der Viren (Hülle) wird durch bestimmte Eiweiße (Proteine) gebildet.Das Hüllprotein HA (Hämagglutein) ist zum Beispiel ein Protein, auf welches unser Immunsystem reagiert. Ein anderes Protein, das NA (Neuraminidase) spielt eine Rolle bei der Vermehrung des Virus. Und genau an dieser Stelle, also wenn es um die Vermehrung der Viren geht, können Medikamente (Neuraminidasehemmer) eingreifen, das Protein blockieren und eine weitere Vermehrung der Viren verhindern. Auch an einem anderen Hüllprotein (Matrixprotein M2), welches ebenfalls für die Vermehrung des Virus zuständig ist, können Medikamente mit dem Wirkstoff Amantadin eingreifen. Diese wirken aber nur gegen die Viren der Gruppe A und werden bei uns nur noch selten zu diesem Zweck eingesetzt [1].

Tamiflu® und RelenzaTM

Zu den Neuraminidasehemmern gehören die Wirkstoffe Oseltamivir (nur bei Roche Pharma: Tamiflu®) und Zanamivir (RelenzaTM von der Firma GlaxoSmithKline), welche gegen die Viren der Gruppen A und B wirksam sind.

Beide Medikamente können bei Ausbruch einer Grippeepidemie als Vorbeugung vor einer Ansteckung angewendet werden (Präexpositionelle Prophylaxe), sie können auch eingenommen werden, wenn man Kontakt hatte mit einer Person, welche bereits durch das Virus infiziert sind, allerdings noch keine Symptome zeigen (Postexpositionelle Prophylaxe) und sie können verabreicht werden, wenn bereits eine Influenza Erkrankung ausgebrochen ist. Hier sollte die Einnahme innerhalb der ersten 48 Stunden nach dem Auftreten der ersten Symptome erfolgen [2][5].

Der Einsatz von Tamiflu® und RelenzaTM wird bei einer auftretenden Grippeepidemie vor allem für Personen in Erwägung gezogen werden, die einer oder mehrerer der folgenden Risikogruppen entsprechen. Bei diesen Personen besteht die Gefahr eines schweren Verlaufs der Infuenza mit dem Risiko von Komplikationen:

  • Ältere Personen ab ca. 60 Jahren, je nach körperlichen und seelischen Gesundheit
  • Personen mit Grunderkrankungen wie chronischen Herzerkrankungen (z.B. Herzinsuffizienz), chronsichen Lungenerkrankungen (z.B. chronische Bronchitits), Stoffwechselstörungen (z.B. Diabetes mellitus), chronische Erkrankungen des Nervensystems (z.B. Multiple Sklerose), Immunschwäche (z.B. HIV-Infektion)
  • Schwangere im letzten Drittel der Schwangerschaft
  • Personen, bei denen aufgrund ihrer Konstitution durch eine Vorerkrankung keine Impfung durchgeführt werden kann [1]

Tamiflu ® kann bei Kindern ab dem 1. Lebensjahr eingesetzt werden, RelenzaTM ab dem 5. Lebensjahr. [2]
Bei beiden Medikamenten kann es zu teilweise schwerwiegendenNebenwirkungen kommen, die häufigsten sind:

  • Tamiflu ®: Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen, Krampfanfälle, psychische Veränderungen [2][5]
  • RelenzaTM: Lungenkrämpfe, allergische Reaktionen [2]

Streitpunkt Wirksamkeit

In Fachpublikationen erscheinen nahezu jährlich neue Studien zur Wirksamkeit von Tamiflu® und RelenzaTM , welche die Wirksamkeit bestätigen oder diese wiederum widerlegen.

Im Jahr 2014 veröffentlichte die renomierte Chocrane Collaboration– eine Vereinigung unabhängiger Wissenschaftler und Ärzte – eine Analyse von Studien an mehr als 24.000 Personen, die an Grippe erkrankt sind. Diese Analyse ist ihrer Angaben nach „…ausnahmslos auf allen klinischen Studien und Studienberichten basiert …“[3] – auch auf Rohdaten interner Studien der beiden Hersteller bezogen.
Die Chocrane-Autoren des Teams um Tom Jefferson und Professor Dr. Carl J. Heneghan bestätigten in der Analyse, daß die Einnahme der Medikamente eine Influenza-Erkrankung um einen halben Tag verkürzen kann. Sie kamen außerdem zu dem Ergebnis, daß die Einnahme keinen positiven Einfluß auf die Ausbildung von Komplikationen einer Influenza (z.B. Lungenentzündung oder Bronchitits) aufzeigt. Zudem äußerten Sie den Verdacht, daß der Wirkstoff Oseltamivir (Tamiflu ®) die Bildung von körpereigenen Antikörpern gegen den Virus sogar blockieren kann. [3]

Eine aktuellere Studie aus dem Januar 2015 von Wissenschaftlern der London School of Hygiene & Tropical Medicine bestätigen wiederum die Wirksamkeit beider Medikamente bei Grippeerkrankten. Laut ihrer Aussage treten weniger Komplikationen und damit Klinikeinweisungen auf und die Erkrankung würde um einen Tag verkürzt. Allerdings würden die Nebenwirkungen deutlich häufiger auftreten als in der Kontrollgruppe, welche statt dem Medikament Placebos verabreicht bekommen hat. [4]
Das Problem bei diesen Studien liegt laut Professor Dr. Heath Kelly von der Universität Canberra anscheinend darin, daß es sich bei einer Erkrankung tatsächlich um eine Influenza-Grippe handeln muß – und dies wird nur sicher durch eineLaboruntersuchung (Rachenabstrich) bestätigt [4], die anscheinend nicht bei allen Probanden der analysierten Studien durchgeführt wurde oder durchgeführt werden konnte. Denn besonders zu beachten ist: Bei einem grippalen Infekt durch andere Erreger sind Tamiflu ® und RelenzaTM wirkungslos [2]! Wodurch sich die widersprüchlichen Forschungsergebnisse erklären ließen.

Influenza- Impfung – Ja oder nein?

„Tamiflu ist kein Ersatz für eine Grippeschutzimpfung“ – so steht es bereits in der Patienteninformation (Beipackzettel) des Herstellers [5].

Die STIKO (Ständige Impfkommission des Robert Koch Instituts) empfiehlt eine Influenza- Impfung für Personen über 60, für Schwangere mit gesundheitlichen Problemen aufgrund der Schwangerschaft (z.B. Schwangerschafts-Diabetes), Personen mit chronischen Erkrankungen (z.B. Diabetes mellitus, chronischer Bronchitits, Herz-Kreislauf-, Nieren- und Lebererkrankungen, bei HIV-Infektion), für medizinisches Personal, Bewohner und Pfleger in Altenheimen und für Personen, welche Kontakt zu Geflügel und Wildvögeln haben [1].

Laut der STIKO sind Personen unter 60 Jahren durch eine jährliche Impfung bis zu 90% geschützt, wenn die neuen und alten Stämme der saisonalen Influenza zum gewissen Teil übereinstimmen. Bei Älteren fällt die Schutzrate deutlich geringer aus. Dennoch ist die Impfung gerade für Ältere wichtig, da bei einer Erkrankung Komplikationen seltener auftreten können.
Bis der Impfschutz aufgebaut ist dauert es bis zu 2 Wochen, eine Ansteckung kann also auch vorher stattfinden. Daher empfiehlt es sich, vor dem Winter (Grippesaison) eine Impfung durchführen zu lassen und diese eventuell jährlich zu wiederholen [1].
Gegen die aviäre Influenza (Tiere) besteht durch die Impfung kein direkter Schutz, (hierzu liegen allerdings auch zu wenig Daten zur Wirksamkeit und Ansteckungsfähigkeit von Mensch zu Mensch vor), wird aber dennoch von der STIKO für Personen mit Kontakt zu Geflügel und Wildtieren empfohlen, um Doppelinfektionen vorzubeugen [1].

Fazit

Die Wirksamkeit von Influenza-Impfung und Medikamenten wird jedes Jahr neu diskutiert und geprüft. Im Grunde sollte bei einer Erkrankung oder bei Erwägung von Präventionsmaßnahmen durch den behandelnden Arzt der Einsatz individuell entschieden werden – unter Beachtung des Gesundheitszustandes, des Alters, der Vorerkrankungen des Patienten, der nicht unerheblichen, möglichen Nebenwirkungen und der aktuellen Anzahl der Grippererkrankungen in der Bevölkerung (Vorliegen einer Epidemie oder nicht).
Hinzu kann mit allgemeinen Hygienemaßnahmen einer Ansteckung vorgebeugt werden, wie zum Beispiel regelmäßiges und gründliches Händewaschen – vor allem nach Berühren von Türklinken, Lichtschaltern oder Handgriffen in öffentlichen Verkehrsmitteln, auch vor Mahlzeiten und besonders wenn man dazu neigt, das eigene Gesicht zu berühren (auch unbewusst) [1].
Empfohlen wird auch eine regelmäßige Handdesinfektion, wobei darauf zu achten ist daß die verwendeten Mittel nicht nur gegen Bakterien, sondern auch gegen Viren wirksam sein sollten. Das Robert-Koch-Institut bietet hierzu eine Liste von geprüften Desinfektionsmitteln an [6].


Behandlungsmöglichkeiten bei einer Grippe