Grippe: Risiken

Grippeimpfung & Alkohol

© PantherMedia / Werner Heiber

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt eine jährliche Auffrischung der Schutzimpfung gegen Grippe (Influenza). Dadurch wird es dem Immunsystem ermöglicht, im Bedarfsfall rasch auf den tatsächlichen Erreger zu reagieren. Eine solche Immunisierung kann mit typischen Beschwerden an der Impfstelle, aber auch allgemeinen Reaktionen wie Fieber, Kopfschmerzen und Gliederschmerzen einhergehen. Diese Reaktion kann und darf auftreten und ist ein Zeichen der Auseinandersetzung des Immunsystems mit dem Impfstoff.[1]

Alkohol, gelegentlich genossen, aber besonders bei regelmäßigem Konsum, hat ebenfalls Auswirkungen auf verschiedene Organsysteme und Vorgänge im Körper, so auch auf das Immunsystem. Im Folgenden werden die medizinischen Fakten, biologische Hintergründe sowie mögliche Wechselwirkungen Bezug nehmend auf Grippeimpfung und Alkoholkonsum geklärt.

Medizinische Fakten

Die Wirksamkeit der Influenzaimpfung hängt von mehreren Faktoren ab. Stimmen die zirkulierenden Influenzaviren gut mit dem Impfstoff überein, bietet dieser einem jungen Erwachsenen eine Schutzwirkung von bis zu 80%. Bei Personen mit einer reduzierten Immunantwort hingegen, wie ältere Menschen oder Personen mit einer schwächenden Grunderkrankung, kann auch die Schutzwirkung der Impfung vermindert sein.[2]

Der chronische Alkoholmissbrauch ist in Mitteleuropa mit 50% die häufigste Ursache für Lebererkrankungen. Die Entwicklung geht hierbei von der alkoholinduzierten Fettleber über die alkoholische Steatohepatitis bis zur Leberzirrhose.[3] Da die Leber Produktionsort vieler wichtiger Proteine und Stoffwechselprodukte ist, nicht zuletzt von einem Großteil der Proteine der Immunabwehr,[4] ist bei Alkoholerkrankten allgemein von einer höheren Grippeanfälligkeit auszugehen. 

Biologischer Zusammenhang

Im Rahmen der Grippeimpfung werden abgeschwächte, aber vermehrungsfähige Influenzaviren in den Körper eingebracht, um die Abwehr zu stimulieren. Bestimmte Zellarten des Immunsystems sind in der Lage die Virusbestandteile zu erkennen und anderen Zellen zu präsentieren, welche über verschiedene Wege und Interaktionsmöglichkeiten den Erreger eliminieren. Lymphozyten übernehmen die Aufgabe der Antikörperproduktion, die in diesen Prozess involviert sind. B-Lymphozyten sind zudem in der Lage sich zu Gedächtniszellen zu differenzieren, die bei erneutem Erregerkontakt sofort neue Antikörper produzieren können. Darauf basiert die Impfwirkung.[5] Die genauen molekularen Vorgänge und Interaktionen sind teilweise aufgrund ihrer Komplexität noch nicht vollständig geklärt.

Auch die genauen Mechanismen einer alkoholinduzierten Fettleber mit Fortschreiten zur Leberzirrhose sind Gegenstand aktueller Forschungen. Der Vorgang ist auch hier komplex und durch verschiedene Faktoren bedingt:

  • Die Aufnahme von Alkohol verursacht in der Regel eine überschüssige Kalorienzufuhr, was zur Ausbildung der Fettleber beiträgt.
  • Durch die toxische Wirkung des Alkohols wird die Funktion der Leber eingeschränkt, was zu einer verminderten Ausbildung der Proteine führt, welche die Fette aus der Leber raus und in den Blutkreislauf befördern.
  • Über die Verstoffwechselung des Alkohols entstehen Abbauprodukte, welche die Fettsäuresynthese und die Triglyzeridbildung fördern.
  • Das beim Abbau des Alkohols entstehende Acetaldehyd wirkt ebenfalls direkt toxisch auf die Leber und führt zu einer Aufhäufung der Proteine innerhalb der Leber sowie zu einer Ausbildung von Bindegewebe, wo keines sein sollte. Dadurch wird langfristig funktionelles Lebergewebe verdrängt.
  • Die sich ansammelnden Fette werden über weitere Mechanismen peroxidiert, wodurch Sauerstoffradikale entstehen, welche die Zellwände der Leberzellen angreifen.
  • Der gesteigerte Sauerstoffverbrauch in den Zellen führt zu einem Sauerstoffmangel in den venösen Gebieten, was ebenfalls die Bindegewebsbildung anregt und die Entstehung einer Fibrose (Vorstufe der Zirrhose) anregt.[6]

Aufgrund der scheinbar allumfassenden Vorgänge im Lebergewebe ist es naheliegend, dass zahlreiche Stoffwechselvorgänge und Synthesewege, die auch Teil der Immunfunktion sind, gestört werden: durch die Anhäufung verschiedener Substanzen ebenso wie durch die Abnahme des funktionalen Lebergewebes.

Neuere Studien haben nun zudem ergeben, dass Alkoholkonsum nicht nur die erwähnten Langzeitfolgen mit sich bringt. Auch kurzfristige Exzesse beeinträchtigen das Immunsystem, indem mindestens zwei wichtige Bestandteile des Immunsystems auch nach dem Konsum noch für mindestens 24h gehemmt werden. Toll-like Rezeptoren (TLRs) sind für die Erkennung eindringender Erreger zuständig, während die Hauptaufgabe von Interferon-gamma darin liegt, körpereigene Fresszellen zu aktivieren. Die durch die Hemmung dieser Funktionen bedingten Auswirkungen sind Gegenstand aktueller Studien. Fest steht jedoch, dass diese Hemmung mit einer verminderten Abwehrfunktion einhergeht.[7]

Schlussfolgerung

Obwohl die bisherigen Erkenntnisse auf eine mögliche Wechselwirkung zwischen Alkoholkonsum und einer erfolgten Grippeimpfung hinweisen, sind dazu bislang keine Daten bekannt. Viele Arztpraxen empfehlen jedoch nach einer Immunisierung für 1-3 Tage auf den Konsum von Alkohol zu verzichten, was in Anbetracht der bislang erhobenen Daten sinnvoll erscheint.

Zu beachten ist weiterhin, dass aus der Beeinträchtigung des Immunsystems bei langjährigem Alkoholmissbrauch und der daraus resultierenden Infektanfälligkeit im Umkehrschluss eine eindeutige Indikation zur Grippeimpfung resultiert.


Behandlungsmöglichkeiten bei einer Grippe